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Vom Erdöl und anderen Dämonen

11/03/2013

 

Foto: Fernando Llano / AP

Foto: Fernando Llano / AP

So wie Bananen und Zuckerrohr in warmen Ländern besser gedeihen, brauchen auch Demagogen ein geeignetes Umfeld: Venezuela erwies sich als das ideale Land für den idealen Populisten, der Hugo Chávez war. Seine öffentliche Laufbahn und seine Popularität begannen mit dem Putschversuch des Jahres 1992, als Chávez Oberstleutnant der Fallschirmspringer war. Auch wenn der Putsch scheiterte und Chávez mit zwei Jahren Gefängnishaft dafür bezahlen musste, war er seither eine populäre Gestalt, weil er als ein Militär auftrat, der sich für die Armen und gegen die Korruption einsetzte. Venezuelas Segen, über die grössten Erdölreserven der Welt zu verfügen, ist zugleich sein Fluch: Ein ganzes Jahrhundert durch das Erdöl bescherten Reichtums hat diesem abwechselnd von Diktatoren und korrupten Politikern regierten Land weder Gerechtigkeit noch Entwicklung gebracht. In Venezuela, einem Land voller Bodenschätze und voller Leute, die von den Zinsen ihrer Privatvermögen leben, bekommt man Benzin praktisch umsonst, und trotzdem ist es kein wohlhabendes Land, dessen Besitztümer gleichmässig verteilt sind, im Gegenteil, der Grossteil der Bevölkerung lebt in äusserster Armut.

Wirtschaftlicher Niedergang

Im Laufe dreier aufeinanderfolgender Amtszeiten, während deren er ausserdem lange Zeit über eine Nationalversammlung verfügte, in der nur seine Partei vertreten war, versprach Hugo Chávez immer wieder, er werde dafür sorgen, dass es gerecht im Land zugehe, und der ärmere Teil der Bevölkerung glaubte ihm. An seinen endlosen blumigen Reden, die mit Liedern und volkstümlichen Weisheiten und mit Attacken auf die Reichen und die Rechte ausgeschmückt waren und von sämtlichen Radio- und Fernsehsendern übertragen werden mussten, ergötzte sich die eine Hälfte des Landes, während die andere daran verzweifelte und sich angewidert abwendete. Bei diesen Reden verkündete er die Entsendung von Panzern an die kolumbianische Grenze, entliess Staatsangestellte, ordnete die Errichtung von Häusern für die Armen an, kritisierte Richter und forderte die Verhaftung der «Bourgeois, die das Land ausrauben». Vor allem aber waren seine Reden ein Schauspiel für die Massen.

Indem er sich als eine Art Wiederverkörperung des Befreiers Südamerikas Simón Bolívar ausgab, zeichnete er nicht nur für eine ellenlange und mit rhetorischen Wendungen gespickte neue Verfassung verantwortlich, sondern änderte sogar den Namen Venezuelas, dem er die Bezeichnung «Bolivarische Republik» hinzufügte. Was er jedoch nach einer fast fünfzehnjährigen Amtszeit hinterlässt, ist ein Land mit einem riesigen Staatsdefizit, mit Auslandsschulden, die zehnmal so hoch sind wie 2003, während die Summe der Importe innerhalb derselben zehn Jahre von 13 auf 50 Milliarden Dollar angestiegen ist. Weil er die «dreckigen Reichen» – damit meinte er sämtliche Unternehmer –, «die den Yankees in den Arsch kriechen», hasste, ging es während seiner Amtszeit im ganzen Land mit der Produktion steil bergab.

Trotz den gewaltigen Einnahmen aus dem Erdölgeschäft brachte Chávez nicht mehr zustande als die Errichtung eines so gigantischen wie ineffizienten und überzüchteten Staatsapparats. Zugleich sank die Produktion dermassen, dass Venezuela heutzutage 80 Prozent aller Konsumgüter, sogar Lebensmittel, importieren muss. Allein von den USA erhielt Venezuela in dieser Zeit 300 Milliarden Dollar aus dem Erdölgeschäft, ein Reichtum, von dem auf den Strassen des Landes kaum etwas zu sehen ist. Dafür ist es in Caracas heute einfacher, an Kaviar, Wein und Whisky zu gelangen als an Milch, Kartoffeln oder Eier. Oder an einen Mercedes statt an Autos erschwinglicher Marken.

Die Zeitung «El País» präsentierte vor kurzem die folgenden Zahlen: Als Oberstleutnant Chávez 1998 an die Macht kam, produzierte die staatliche Erdölgesellschaft täglich 3,5 Millionen Barrel und benötigte dafür 32 000 Arbeiter und Angestellte. Im letzten Jahr war die Quote auf 2,4 Millionen Barrel pro Tag gesunken, die Zahl der Beschäftigten dagegen auf 105 000 gestiegen. Die Anzahl der Ministerien erhöhte sich von 14 auf 29 (entsprechend wuchs die Zahl der Staatsbeamten), und dieser Zunahme des öffentlichen Sektors entsprach eine erschreckende Abnahme im privaten Sektor: Gab es 1998 um die 11 000 Unternehmen, so sind es heute – nachdem zahlreiche Firmen enteignet worden sind, wobei die Besitzer von der willkürlich vorgehenden Regierung vielfach keine Entschädigung erhielten – weniger als 7000.
Geschenke für die Massen

Aber irgendetwas Gutes muss ein Präsident natürlich gemacht haben, wenn er dreimal hintereinander vom Volk gewählt wurde. Dass grosse Menschenmengen weinend vor dem Eingang des Krankenhauses stehen, in dem Chávez gestorben ist, zeigt, dass er zumindest zum ärmsten Teil seines Volkes eine enge Verbindung hatte. Ja, Chávez war jemand, der gerne Geschenke verteilte, im eigenen Land wie auch im Ausland. So spendierte er einigen Armen in der Bronx die Heizkosten; die Wahlkämpfe von Daniel Ortega in Nicaragua, von Evo Morales in Bolivien und von Cristina Fernández de Kirchner in Argentinien unterstützte er ebenfalls finanziell; Kuba gegenüber zeigte er sich sehr grosszügig und übernahm nach dem Ende der Sowjetunion die Aufgabe, die Insel mit Erdöl zu versorgen – im Gegenzug schickte Fidel Castro Ärzte, Lehrer und Spezialisten für den militärischen Geheimdienst. So erschienen in den Armenvierteln venezolanischer Städte zum ersten Mal kubanische Ärzte, die sich der dort lebenden Kinder, Alten und Kranken annahmen. Sozialer Wohnungsbau wurde ebenfalls betrieben, und wie aus dem Nichts entstanden kostenlose Schulen und Universitäten für den ärmsten Teil der Bevölkerung. All diese Geschenke trafen blitzartig ein, von einem Tag zum anderen, wobei die Qualität durchaus zu wünschen übrig lässt, wenn sie natürlich auch besser als nichts sind.

Als bei Chávez vor zwei Jahren ein Krebsleiden diagnostiziert wurde, untersagte er den Gebrauch des Wortes «Tod» in seiner Umgebung und wiederholte auch nicht mehr ständig das alte Motto Che Guevaras, das in Venezuela an allen Ecken und Ende zu lesen ist: «Vaterland oder Tod.» Abergläubisch, wie er war, ersetzte er es durch den bescheideneren Spruch: «Wir werden leben und siegen.» Ausserdem sorgte er selbst dafür, den Verdacht zu verbreiten, hinter seiner Erkrankung könnten die Feinde der bolivarischen Bewegung stecken. (Zum ersten Mal kam er mit dieser Theorie, als, nach Lula und Dilma Rousseff, auch bei Präsidentin Kirchner ein Krebs entdeckt worden zu sein schien, was sich dann jedoch als falscher Alarm erwies.) Endgültig vorbei mit der Glaubwürdigkeit seiner Verschwörungstheorien war es aber, als Chávez dem «Imperialismus» auch noch die Schuld an dem grossen Erdbeben in Haiti in die Schuhe schieben wollte. Wissenschaftlich betrachtet mag es unwahrscheinlich sein, dass Chávez’ Krebserkrankung von seinen Feinden ausgelöst wurde; umso wahrer ist dafür, das Chávez ganz Lateinamerika mit seinem Chavismus angesteckt hat, zum einen durch sein charismatisches Auftreten als nie um grosse Worte verlegener Redner, zum anderen durch die grosszügigen Geschenke aus seiner Erdölkasse.

Als Gabriel García Márquez Chávez 1998 in Havanna persönlich kennenlernte, schrieb er darüber: «Das Erste, was mir auffiel, war sein Körper, der wie aus Beton gemacht schien.» Erstaunlicherweise hat Márquez’ eigener, anscheinend viel empfindlicherer Körper wesentlich länger durchgehalten – García Márquez ist inzwischen 86 – als Chávez’ Betonkörper. Was womöglich auch daran liegen könnte, dass García Márquez, sosehr er überzeugter Anhänger Fidel Castros ist, vorsichtiger war als der Präsident Venezuelas und sein Krebsleiden in Los Angeles statt in Havanna behandeln liess. Immerhin kam Hugo Chávez dafür am 5. März 2013 in den zweifelhaften Genuss, genau am 60. Todestag Stalins aus dem Leben zu scheiden.

Und was steht Venezuela jetzt bevor? Der Tod eines amtierenden Präsidenten ist für jedes Land eine traumatische Erfahrung. Umso mehr, wenn der Präsident ein Führer war, der fast die gesamte Macht auf sich vereinigte, was es auch umso schwieriger erscheinen lässt, die Folgen seines Todes abzuschätzen. Laut Verfassung wird der gegenwärtige Präsident der Nationalversammlung Diosdado Cabello das Land während des nächsten Monats bis zur Durchführung von Neuwahlen regieren. Wahrscheinlich wird die Welle des Mitleids und der Solidarität mit dem verstorbenen Chávez so lange anhalten, was es dem Chavismus wohl ermöglichen wird, sich an der Macht zu halten. Als handelte es sich um Chávez’ unbedingt zu respektierendes Vermächtnis, sind schon jetzt immer wieder die Worte zu hören, die der verstorbene Präsident äusserte, bevor er zur letzten Behandlung nach Kuba abreiste – dabei bezeichnete er seinen Vizepräsidenten Nicolás Maduro als denjenigen, den er zu seinem Nachfolger ausgewählt habe.
Auf Sand gebaut

Möglicherweise wird es Maduro gelingen, den Chavismus mithilfe der seltsamen Euphorie, die ein Todesfall paradoxerweise mit sich bringen kann, zusammenzuhalten und so auch die nächsten Wahlen zu gewinnen. Und wenn danach die wahren Schwierigkeiten und Probleme des Landes zutage treten, wird gerade der Tod des Caudillo, seine Abwesenheit, das Argument sein, mit dem sich all die Katastrophen erklären lassen, die er in Wirklichkeit selbst verursacht hat. Maduro wird in jedem Fall nie mehr als ein blasser Abklatsch desjenigen sein, der ihn im Moment seiner grössten körperlichen Schwäche per Fingerzeig zu seinem Nachfolger bestimmt hat. Chávez hatte das Glück, nicht nur sein persönliches Ansehen, sondern auch den Reichtum eines unendlich reichen und unendlich unproduktiven Landes fast bis zum letzten Tropfen auskosten zu können. Dem Chavismus, der ihn beerbt, fällt die Aufgabe zu, mit dem, was übrig ist, zu regieren, den Zufällen und Schwankungen der inländischen Produktion und des Erdölpreises ausgeliefert. Höchstwahrscheinlich werden wir in den nächsten fünf Jahren miterleben, wie etwas, das nicht auf festem Beton, sondern auf Sand errichtet worden ist, in sich zusammenbricht – oder, wie Simón Bolívar gesagt hat: «Im Meer gepflügt und in den Wind gebaut.»

Héctor Abad, geboren 1958 in Medellín, ist Schriftsteller und Journalist. 2009 erschien bei Berenberg ein Buch über seinen ermordeten Vater: «Brief an einen Schatten. Eine Geschichte aus Kolumbien». – Aus dem Spanischen von Peter Kultzen.

 

Artículo escrito para el diario NZZ de Alemania

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